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Der Mord auf der Weihersmühle.

Am 12. Juli 1821 verübte der Tiroler Uhrmacher Franz Rimmel auf der Weihersmühle nahe Bonaduz einen Mord — und brachte damit zwei Brüder aus Versam vor Gericht: Hans und Hans Martin Bonadurer.

Die Weihersmühle

Die Weihersmühle nahe Bonaduz wurde am 12. Juli 1821 zum Schauplatz eines Verbrechens, das das ganze Tal erschütterte. Täter war der Tiroler Uhrmacher Franz Rimmel. Dreizehn Tage nach dem Mord — am 25. Juli — wurden die Brüder Hans und Hans Martin Bonadurer, beide aus Versam, als mutmassliche Mitgehülfen ins Gefängnis eingebracht.

Die Geschichte ist vollständig überliefert in der Töndala Nr. 107. Silvio Hueonder hat sie 2012 in seinem Buch «Die Dunkelheit in den Bergen» aufgenommen (ISBN 978-3-312-00542-0).

Das Urteil

Aus dem Gerichtsprotokoll geht hervor: der Mörder Rimmel hatte noch zwei Mitgehülfen gehabt. Auf die Frage, warum er dies nicht früher angezeigt habe, antwortete er: es seien arme Leute, die er habe schonen wollen.

«Die beiden Brüder Hans Martin und Hans Bonadurer sollen, ihnen zur gerechten Strafe und Andern zum abschreckenden Beispiel, dem Scharfrichter übergeben werden — mit Ruthen bis auf das Blut ausgehauen, und alsdann zu lebenslänglicher Zuchthausstrafe in Ketten verurtheilt sein.»— Gerichtsurteil, Chur 1821

Der Mörder Rimmel entzog sich der weiteren Untersuchung durch Selbstmord — was die vollständige Aufklärung der Tat und die genaue Erhebung der Beteiligung der Bonadurer verhinderte. Das Gericht blieb in einem Zwischenstadium: Verurteilung wegen Beihilfe, Vorbehalt der Todesstrafe bei vollständigem Nachweis.

Ausdrücklich erkannte das Gericht: das Vergehen der beiden Brüder solle ihren unschuldigen Verwandten und Nachkommen «zu allen Zeiten gänzlich unausheblich und unnachzüglich sein» — und wer den Unschuldigen hierüber einen Vorwurf mache, solle als Ehrendieb behandelt werden.

Fakten

Tat12. Juli 1821
OrtWeihersmühle, Bonaduz
TäterFranz Rimmel
Verhaftet25. Juli 1821
VerurteilteHans & Hans Martin Bonadurer
QuelleTöndala Nr. 107

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Diese Geschichte ist aus zeitgenössischen Quellen rekonstruiert. Für Hinweise zu Personen, Orten, Pfarrarchiven oder Gerichtsprotokollen bin ich dankbar.

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Die ganze Geschichte.

Eine blutige und gräuliche That, gescheh Anno 1821 im Heumonat. Morität in drei Bildern und einer Skizze, nebst etlichen Nachträgen, getreu den geschichtlichen Quellen vorgetragen.

Abschrift aus der Töndala, Nr. 107 vom 10. Juni 1988, Auflage: 1050 ·
Autor: Peter Michael

Das alte Wisslihuus in Versam
Wisslihuus · Versam (vor 1914)Fig.

Die Geschichte in drei Kapiteln — aufklappen zum Lesen

1. Bild Im alten Wisslihuus zu Versam

Seit Tagen schon trommelt anhaltender lauer Sommerregen auf die Schindeldächer der in Obstgärten versteckten Versamer Bauernhäuser. In der niedrigen, russgeschwärzten Küche im Wisslihuus sitzen drei Männer am schweren Holztisch. Das unruhig flackernde Herdfeuer erhellt bald mit rötlichem Schein ihre ernsten Mienen, bald lässt es schwarze Schatten über die Wände tanzen.

Mit leiser, eindringlicher Stimme gibt Franz Rimmel, genannt der Uhrenmacher, den Brüdern Hans Martin und Hans Bonadurer nochmals die Einzelheiten seines Planes bekannt. Der blauäugige, handwerklich geschickte, vor 52 Jahren im Lechtal im Tirolischen geborene Franz Rimmel kann sich einer unsteten Vergangenheit rühmen — seit über dreissig Jahren hat er sich in Bünden, im Veltlin, Tessin und Wallis herumgetrieben.

Und nun sitzt er in der Küche von Hans Martin Bonadurer, bei dem er seit einiger Zeit um geringen Taglohn arbeitet. Er hat dem jüngeren Bonadurer, dem Hans, erzählt, er habe die Kunst erlernt, „Leute so einzuschläfern, dass sie sich des andern Tages nichts mehr erinnern.” Morgen abend, am 11. Juli, soll der Raub auf der Weihermühle geschehen. Hans Martin nimmt sich vor, seine Axt mitzunehmen.

Hans Bonadurer, 37 Jahre alt, Vater mehrerer Kinder, ärmliche Verhältnisse · Hans Martin Bonadurer, verwitwet, zweite Frau und sieben Kinder — beide aus Versam

Das alte Wisslihuus in Versam
Das alte Wisslihuus in Versam · Aufnahme vor 1914
2. Bild Auf der Weihersmühle nächst Bonaduz

Ein klarer Morgen kündet am 12. Juli 1821 das lang ersehnte Heuwetter an. Schon um vier Uhr trifft ein erster Kunde bei der Weihermühle ein. Fast gleichzeitig kommt der Knecht herauf und klopft — vergebens. Ein angekommenes Weibsbild bemerkt unter den Holzscheitern unter der Treppe ein blosses Bein.

Man räumt einige Hölzer weg. Der Knecht schreit: „Die Magd, ermordet!” — und stürzt ohnmächtig ins Gras. Drei unweit beschäftigte Mähder eilen herzu. Im Haus finden sie auf dem aufgewühlten, blutbesudelten Bett die übel zugerichteten Leichen des Müllers und seiner Magd.

Die Weihersmühle nächst Bonaduz
Die Weihersmühle nächst Bonaduz

Der Müller Franz Joseph Name (Rufname Michel Blum), 33 Jahre alt, wies 18 Hieb- und Stichwunden auf. Die 22-jährige Magd Anna Maria Gartmann war schwanger von ihm und hatte 8 Verletzungen. Die 33-jährige Franzisca Waser unter der Treppe war durch 18 Hiebe und Stiche umgebracht — sie war von Dornbirn hergereist, um eine Abfindung zu verlangen, da auch sie von ihm schwanger war.

Rimmel wurde am 13. Juli in Splügen gefasst. Er gestand die Tat sofort: nach einem Streit hatte er um Mitternacht zugeschlagen — erst dem Müller, dann den beiden Mägden. Er stahl rund 94 Gulden, Brot und eine Uhr. Zwei Wochen nach dem Mord wurden die Brüder Hans und Hans Martin Bonadurer in Ketten nach Chur gebracht. Auf die Frage, warum er seine Mittäter nicht angezeigt habe, antwortete Rimmel: „Es seyen arme Leute, die er habe schonen wollen.”

3. Bild In der Malefizstube des Rathauses zu Chur
Malefizstube Chur
Malefizstube · Rathaus Chur
Galgen
Galgen · Richtstatt Chur

Am 27. Oktober stehen Hans und Hans Martin Bonadurer in der Malefizstube des Churer Rathauses vor dem Kantons-Kriminalgericht. Die Beweislage ist schwierig: Rimmel hatte die Bonadurer erst nach Rutenschlägen schwerer belastet — und hatte sich dann durch Erstickung selbst getötet, was die vollständige Aufklärung verhinderte. Hans Bonadurer hatte niemals gestanden; Hans Martin hatte ein Geständnis abgelegt und widerrufen.

„Die Stimmen der Richter stehen ein, so dass man nach der mildern Meinung beschliesst, dass die angeklagten Brüder mit der Todesstrafe verschont bleiben sollen.”— Gerichtsprotokoll, Chur, 27. Oktober 1821

Das Urteil: Viertelstündige Ausstellung am Pranger im Halseisen, Auspeitschung mit Ruthen bis auf das Blut, danach lebenslängliche Zuchthausstrafe in Ketten. Die Todesstrafe ist den Brüdern erspart. Hans und Hans Martin Bonadurer atmen spürbar auf.

Der Leichnam Franz Rimmels — des sechsfachen Mörders — wurde auf einer Kuhhaut auf die Richtstatt geschleift und an den Galgen gehängt, „bis er von selbst herunter fallen wird.” Das Gericht erkannte ausdrücklich: das Vergehen der Brüder solle ihren unschuldigen Verwandten und Nachkommen „zu allen Zeiten gänzlich unaufheblich und unnachzüglich sein.”

Nachschriften

Nachschrift 1

Obgleich schon zehn Tage nach dem Urteil ein Gesuch einging, den aufgehängten Rimmel abzunehmen, hing er offenbar sehr lange. Am 28. April 1824 wurde ein Paulus Huber von Maladers verhört — er soll die Leiche des Tirolers freventlich vom Galgen geholt haben.

Nachschrift 2

Die Geschichte wurde 1822 in Schaffhausen gedruckt. Silvio Hueonder hat sie 2012 in seinem Buch «Die Dunkelheit in den Bergen» aufgenommen (ISBN 978-3-312-00542-0).

Nachschrift 3

Im Jahr 1967 stellte die Bündner Regierung das rund 19’000 m² umfassende Flach- und Hochmoor «Weihermühle» unter Schutz. Von den 183 beobachteten Blütenpflanzen müssen 9 für Graubünden und 27 für die ganze Schweiz als selten eingestuft werden.

Nachschrift 4

Hans Martin Bonadurer starb als alter Mann am 4. Mai 1852 in Versam. Das Urteil, das die unschuldigen Verwandten vor Vorwürfen schützte, wurde niemals widerrufen und ist demnach heute noch in Kraft.