Bonadurer Russland.
Über 1300 Bündner Berufsleute zogen vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg nach Russland — darunter mehrere Bonadurer.
Sie hiessen Apollinari Anton Albin, Johann Luzius Isler, Mathias Maurezi Padrun de Carné oder Konstantin Juon — vier von über 1300 Bündner Berufsleuten, die vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg nach Russland zogen. Das Buch «Bündner im Russischen Reich» des Autors Roman Bühler beschreibt auf 670 Seiten den Hintergrund dieser Auswanderung in einer Zeit, als das Ende der Drei Bünde nahte.
Kartei der Vereinigung der Russlandschweizer
Von Markus Lengen per EDV erfasst aufgrund der im Russlandschweizer-Archiv am Lehrstuhl für Osteuropäische Geschichte der Universität Zürich aufbewahrten Originalkartei — rund 3200 Personeneinträge mit zum Teil detaillierten Kommentaren.
Bonadurer Anna
Schwarzerdegebiet. Zivilstand: geschieden von einem Reber, Basel BS. Weiblich. Aufenthalte: Kiev, Berlin.
Bonadurer Marie
Geboren 1920 in Versam GR. Schwarzerdegebiet, deutsch/russisch. Tätigkeit: später Medizin-Studentin. Aufenthalt Kiev. Vater: Alexander (Zürich). Ledig.
Bonadurer Johannson Peter
Kiev, Schwarzerdegebiet. Deutsch/Russisch. Ankunft: Peter Bonadurer kam 1919 über Polen nach Berlin, liess sich dort vermutlich definitiv nieder. 1920 kurz in Versam GR. Besitzer Typographie & Buchbinderei Bonadurer. Verheiratet mit Elvira Johannson (RU). Kinder: Olga (1912), Tatjana (1921).
Bonadurer Woronecki, Alexander Viktor
Kiev / Basel. Schwarzerdegebiet, deutsch/russisch. Versam GR, später Arzt in der Schweiz (Assistenzarzt bei der Krankenkasse). Gattin Katharina, geborene Polin. Tochter Maria (eigene Karteikarte, Nr. 251). Verheiratet.
Belgorod — Die Weisse Stadt
Woher die südwestrussische Gebietshauptstadt Belgorod ihren Namen hat, braucht der neu angekommene Besucher nicht lange zu raten: «Belgorod» heisst auf Russisch «Weisse Stadt». In eine hügelige Landschaft mit imposanten weissen Kreidefelsen ist diese Kleinmetropole auf halbem Weg zwischen Moskau und dem Schwarzen Meer eingebettet.
Der Abbau des weissen Kalksteins ist neben der Landwirtschaft ein wichtiger Wirtschaftszweig. Belgorod liegt in der fruchtbaren russischen Schwarzerderegion — grossflächige Tagebaulandschaften prägen die Täler rund um die Stadt.
Personen & Dokumente
Versam · Kiew · Basel · Truns
Dr. med. Alexander Bonadurer · 1883–1960Versam / Kiew / Truns / Basel ↓
Dr. med. Alexander Bonadurer wurde 1883 in Kiew geboren und entstammte einem Versamer Zweig dieses ehemals in der Gegend recht verbreiteten Geschlechtes. Er ist der Sohn des nach Russland ausgewanderten Johannes Bonadurer aus dem Unterhof in Versam (geb. 1846).
Johannes lebte zuerst in Petersburg bei seinem Onkel Domenik Ritz à Porta — dieser schenkte 1869 der Kirche Versam den schönen Taufstein aus schwarzem Marmor. Später übersiedelte Johannes nach Kiew, heiratete dort 1874 und gründete nach anfänglicher Beteiligung am Gaswerk ein Installationsgeschäft. Seine Frau Amalie Schädel entstammte mütterlicherseits dem Baltikum.
Familie in Kiew
«Wir waren 5 Geschwister», erzählte Dr. Alexander Bonadurer. «Ein Bruder starb als kleines Kind, ein weiterer im Alter von ca. 18 Jahren 1897 an Tuberkulose. Ich war kaum fünf Jahre alt, als der Vater nach langer, schwerer Krankheit starb. Der ältere Bruder Peter Adolf (geb. 1875) übernahm dann das Geschäft des Vaters, das ihm die Mutter übergeben hatte, um sich ihrer geliebten Tätigkeit — dem Bauen neuer Häuser — zu widmen.»
Die Mutter war eine sehr tüchtige Frau: Sie arbeitete sich aus einfachen Verhältnissen empor, verdiente mit dem Häuserbauen sehr gut und konnte Alexander, ihren Jüngsten, studieren lassen. Er erwarb in Kiew die Ausbildung zum Arzt und führte später ein eigenes Spital. 1904 heiratete er Katharina Warenetzky, eine gebildete, vornehme Russin. Ein Jahr später wurde ihre einzige Tochter Marie geboren.
Die Russische Revolution — Flucht und Verlust
Die Stürme der Revolution trafen Alexander Bonadurer hart: Er verlor sein gesamtes, sicher namhaftes Vermögen und sein eigenes Spital von heute auf morgen. Kommunisten drohten ihm im ausgeraubten Spital mit vorgehaltenem Revolver — sie hätten ihn wahrscheinlich erschossen, wenn es ihm nicht gelungen wäre, einem ihrer Kameraden das Leben zu retten.
Er wurde in ein Lazarett gebracht, aus dem er schliesslich mit grosser List entkam. Auf der Flucht mit Frau und Tochter gelangte er in eine Stadt Südrusslands, fand dort bei düsteren Leuten Zuflucht, bis es ihnen gelang, mit einem Schiff nach Europa zu kommen.
«Arm wie eine Kirchenmaus» kehrten sie 1920 in ihre Heimatgemeinde Versam zurück. Ich erinnere mich noch, wie diese Flucht in Versam und Umgebung das Tagesgespräch war.
Rückkehr nach Versam · 1920
Die Heimatgemeinde und Verwandten nahmen sich der Familie so gut wie möglich an. Sie fanden Wohnung im grossen Haus auf dem Tobel in Versam (heute Haus Hänny). «Alle waren immer sehr lieb mit mir. Sie sprachen perfekt Deutsch, allerdings mit einem fremdländischen Akzent. In ihrer Wohnung war alles sehr, sehr einfach eingerichtet. Auf dem Tisch brodelte der Samowar! Sicher gebrach es ihnen an vielem. Doch man hörte nie ein Wort der Klage.»
Dr. Bonadurer fand als Assistent des Krankenkasse-Arztes Signina ein bescheidenes Auskommen. Er liess sich nicht unterkriegen. 1926 — im vorgerückten Alter — brachte er noch den Mut auf, an der Universität Basel Medizin zu studieren und das eidgenössische Ärztediplom zu erwerben.
«Nach verschiedenen Irrfahrten kam ich 1929 nach Truns als Kassaarzt. Merkwürdigerweise konnte ich mich hier behaupten, trotzdem ich weder katholisch noch romanisch geworden bin... Zu meiner grössten Bestürzung wurde mir das Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Truns verehrt.»
R. Stampa schrieb in seinem Nachruf in der Neuen Bündner Zeitung: «Er fiel mir sofort auf, weil er damals eine Art Bluse trug, wie sie in Russland üblich ist. Auch seine Kopfform verriet slavische Züge. Sobald er aber zu reden begann, klärte sich sein ganzes Gesicht. Seine grosse Güte verbarg sich hinter einem feinen ironischen Zug — die Ironie eines Menschen, der aus einem schweren Kampfe siegreich hervorgegangen war.»
Dr. Alexander Bonadurer starb 1960 in Basel, wohin er sich im Alter zurückgezogen hatte, während seine Tochter Marie dort als Ärztin wirkte.
Das Lied von der Katze · ca. 1934
Satirisches Gedicht von Alexander Bonadurer — eines von vielen Gedichten, die er auf seiner Schreibmaschine verfasste. Die Originale befinden sich bei Roland Bonadurer.




Brief (Feb. 2007) · Couvert Gedichtsammlung · Typoskripte
Anna (Amalie Elsbeth) Bonadurer, geb. Reber · 1879–1955Versam / Kiew / Zürich / Basel ↓
Bis heute ist nur ein einziger Hinweis bekannt. Gemäss Rolands Kenntnissen muss es sich um die Schwester von Dr. Alexander Bonadurer handeln.
Matrikel der Universität Zürich · 1898
Anmerkung: Die Frage, ob die Medizinstudentin Marie Bonadurer (geb. 1905, Matrikel-Nr. 30890) eine Tochter von Anna Bonadurer sei — und nicht von Dr. Alexander Bonadurer — konnte bislang nicht abschliessend geklärt werden.
Peter Michael (Lehrer, 7104 Versam-Arezen), der in der ehemaligen Lokalzeitung Töndala im Februar/März 1987 über Bonadurer Frauen schrieb, erwähnte Anna nicht.
Buchauszug · «Bündner im Russischen Reich» · S. 349Roman Bühler, 4 Seiten ↓
Alexander Bonadurers Eintrag im Standardwerk «Bündner im Russischen Reich» von Roman Bühler, Seite 349. Die vier Buchseiten sind nachfolgend als Scans abgebildet.




Roman Bühler · «Bündner im Russischen Reich» · Seite 349