Emigration · Brasilien · Graubünden

Schweizer Auswanderung auf brasilianische Kaffeeplantagen ·

1852–1888 · Untervaz, Graubünden

Zusammenfassung und Auszüge aus: Eva Dietrich / Roman Rossfeld / Béatrice Ziegler (Hg.), Der Traum vom Glück. Schweizer Auswanderung auf brasilianische Kaffeeplantagen 1852–1888. Baden 2003. Im Zusammenhang mit der privaten Familienforschung der BONADURER’s.

Zwischen 1852 und 1857 wanderten rund 2’000 verarmte Schweizerinnen und Schweizer in die Provinz São Paulo nach Brasilien aus, wo sie auf 25 Kaffeeplantagen als Kaffeepflücker arbeiteten. Das Paradies in den Köpfen wich rasch dem harten Alltag auf den Plantagen — und die Revolte dagegen wurde zur Schweizer Staatsaffäre.

Einleitung zur Geschichte

Im Herbst 1995 startete in Untervaz eine Plakataktion. Roland Bonadurer bat die Bevölkerung um Informationen über die Auswanderung aus Vaz. Das Echo war ernüchternd — zwei Telefonanrufe wiesen auf das Buch von Eveline Hasler hin: «Ibicaba — das Paradies in den Köpfen».

Schliesslich stellte Lorenz Krättli (Stotzlenz) umfangreiches Material zur Verfügung, mit dem er Berichte im Bündner Monatsblatt veröffentlichte. Weitere Quellen: Kaspar Joos (Gemeindearchiv Untervaz), Silvester Davatz aus Malix (Unterlagen über Thomas Davatz), sowie Timothy Philipp, Ron Kraettli und Gisela Heitzmann aus Amerika und Brasilien. Den Rest beschaffte Roland im Staatsarchiv Graubünden.


Geschichte von Untervaz

Untervaz wurde im Jahre 831 urkundlich erwähnt. Das Dorf gehörte im Mittelalter dem Kloster Pfäfers, politisch zur Cent Chur. 1567–1577 erkaufte sich die Bevölkerung ihre Freiheit — z. T. ursprünglich Walser. Im 17./18. Jahrhundert bestand ein bekanntes Bad am nordöstlichen Rand der Gemeinde.

Bis Mitte des 20. Jahrhunderts war Untervaz ein reines Bauerndorf und gehörte zu den ärmsten Gemeinden Graubündens. Als 1957 die Bündner Cement AG sich niederliess, erlebte das Dorf einen Wandel. Heute leben rund 2’000 Menschen in Untervaz.


Verhältnisse im Dorf zur Zeit der Auswanderungen

1851 hatte Untervaz zusammen mit Vals am meisten Schwabengänger gestellt — Knaben und Mädchen, die für ein paar Schuhe ein halbes Jahr in Schwaben arbeiteten. 1848 wurde die umgebaute Kirche kleiner als geplant, weil Arbeiter der Frohnarbeit müde wurden.

Die Bündner Zeitung berichtete 1846 über den «Streit der Klauen und Hörner in Untervaz»: Gegensatz zwischen alteingesessenen Bürgern und armen Niedergelassenen, die Gleichberechtigung forderten. Ein Schiedsgericht 1844 nannte die Ursachen: «stete Vermehrung der Angehörigen der ärmeren Bevölkerung, Überschwemmungen, Versumpfungen von gutem Boden». Untervaz hatte nach Chur und Mesocco die drittgrösste Zahl der Heimatlosen im Kanton.


Wie kam es zur Auswanderung

Bis 12. Oktober 1854 hatten sich 43 Familien entschlossen. Der Gemeindevorstand wandte sich an den Kleinen Rat; dieser antwortete am 18. Dezember 1854: Brasilien sei für Schweizer klimatisch kaum geeignet, es herrsche gelbes Fieber. Aber die Not war gross. Agenten legten positive Briefe früherer Auswanderer vor.

So unterschrieben bis April 1855 23 Familien mit insgesamt 116 Personen «Halbpachtverträge». Kosten: Fr. 348.– pro Erwachsenem, Fr. 264.– pro Kind unter 8 Jahren, Kleinkinder gratis. Gesamtvorschuss der Gemeinde: Fr. 39’458.–, finanziert durch den Hieb von 600 Lärchenstämmen unter Zamunt — eine Holzschlagarbeit die die ganze Gemeinde einen Winter lang beschäftigte.


Destinationen

Nordamerika — Hermann, Missouri

Im Jahre 1850 lebten 62 Untervazer in Nordamerika. Höhepunkte der Emigration: 1844, 1846, die 1850er und frühen 1870er Jahre. Sehr viele zogen nach Hermann Missouri — 1844 von Deutschen gegründet, deutschsprachig, mit günstigem fruchtbarem Land zu 1,25 Cents pro Acre.

Brasilien — Provinz São Paulo

Die Destination stand von Anfang an fest. Die Vazer liessen sich vertraglich zusichern, alle gemeinsam auf eine Plantage zu kommen — ein Versprechen, das gebrochen wurde.

Auf einen Blick

43 Familien
entschlossen zur Auswanderung
12. Oktober 1854

23 Familien / 116 Personen
unterzeichneten Verträge

Fr. 39’458.–
Vorschuss der Gemeinde

600 Lärchenstämme
finanzieren die Reise

8. April 1855
Abreise ab Tardisbrücke

8. Juli 1855
Ankunft in Ybicaba

Quellen

  • Staatsarchiv Graubünden (St. A. GR IV 31 C)
  • Lorenz Krättli, Bündner Monatsblatt 1986
  • Thomas Davatz, Reisebericht 1855
  • Briefe der Auswanderer-Familien
  • Timothy Philipp, Ron Kraettli (USA)
  • Gisela Heitzmann (Brasilien)
  • Eveline Hasler, Ibicaba

Die Reise nach Brasilien

8. April – 8. Juli 1855 · Von der Tardisbrücke bis Ybicaba

Landreise durch Europa

Am 8. April 1855 früh morgens bestiegen 118 Vazer, 50 Fanaser und andere Bündner die Omnibusse und halboffenen Leiterwagen an der Tardisbrücke. Via Walenstadt (Dampfschiff), Zürich (Eisenbahn), Baden, Brugg, Basel, Mannheim, Köln nach Hamburg. Deutsche Zöllner kontrollierten kaum. In Hamburg mussten sie fünf Tage auf die «Kronprinz Ernst August» warten — auf der Retourfahrt von Nordamerika beschädigt. In Hamburg starb ein Kind von Joh. Joseph Hug jun. aus Untervaz, wenige Tage alt.

Davatz beklagte den langen Aufenthalt in Hamburg: Die Stadt sei «voll von Laster- und Sündenplätzen». Schlaue Geschäftsleute drehten den naiven Emigranten aus den Bergen allerlei unnützes Zeug an.


Die Seereise — 51 Tage auf dem Atlantik

19. April: Einschiffung. Frau Schlittler gebar Zwillinge — zu früh, beide starben. Familie Rupert erhielt gesunden Nachwuchs. Am 25. April günstiger Wind, Kapitän C. Meyer von Haarburg an Bord. Am 30. April bereits auf dem Atlantik. Den Äquator passierte das Schiff am 24. Mai 1855 um 8:30 Uhr.

15. Juni 1855 — ein Unglückstag: Der jüngste Matrose fiel früh morgens ins Meer — nicht mehr gerettet. Zwei Stunden später starb ein zweijähriger Knabe aus dem Aargau. Elsbeth Jost aus Fanas gebar ein gesundes Mädchen. Noch am selben Tag, vor Anker in Santos, ertrank ein Kind von Georg Pilat aus Untervaz.

Insgesamt eine geglückte Seereise — normalerweise starben 10% der Passagiere. Speisezettel: Rindfleisch, Speck, Heringe, Sauerkraut, Reis, Gerste, Linsen, Pflaumen, Mehl, Zwieback, Wein. Eine Untervazer Familie brachte Krätze mit, die sich dank medizinischer Behandlung nicht verbreitete.


Landreise in Brasilien — 17 Tage nach Ybicaba

In Santos sieben Tage Erholung (bis 22. Juni) — stallähnliche Unterkünfte, Schiffsmatratzen oder blanke Erde. Bis zur Kolonie Ybicaba: 37 Leguas (ca. 40–50 Stunden), in 17 Tagen zurückgelegt. Für Kinder und Schwache Maultiere; kräftigere mussten laufen oder extra zahlen (ca. Fr. 70.–). 16 Nächte auf dem offenen Boden.

Tagesablauf: Maultiere einfangen und beladen → Morgenessen → Aufbruch 8–10 Uhr → Nachtlager am Nachmittag → Holz sammeln → Kochen. Pro Tag nur 3–5 Stunden Marsch. Auf den Strassen lagen tote halbverfaulte Maultiere — einfach liegengelassen.

Am 8. Juli 1855 — genau drei Monate nach der Tardisbrücke — kamen die Bündner Auswanderer in Ybicaba an. Begrüssung durch einen Sohn des Senators Vergueiro und den Direktor der Plantage.

Briefe aus Nordamerika & Familienbibeln

Stimmen der Auswanderer · 1849–1874 · Hermann, Missouri

Was man aus diesen Briefen erfahren kann: Im Laufe der Jahre schrieben die Auswanderer und ihre Familien Dutzende von Briefen in die Schweiz. Darin spiegeln sich Hoffnungen und Enttäuschungen der Emigration, der Alltag auf den Farmen, der Bürgerkrieg, Goldrausch und Familientragödien. Die Briefe befinden sich im Besitz von Daniel Philipp und Magdalena Philipp.

Erste Briefe 1849–1851Allemann · Hans · Peter Krättli · Sutter ↓

Samuel Allemann, 17. Mai 1849: Georg hat Hermann verlassen und ist in die Schweiz zurückgekehrt. Georgs Bruder Hans hat sich in Hermann niedergelassen und es gefällt ihm sehr gut. Samuel erteilt Georg die Vollmacht, in Untervaz alles zu verkaufen — er braucht dringend Geld für ein Backhaus.


Hans Krättli, Mai 1849: Hans hat 120 Acres Land für 440 $ gekauft — 240 $ bar bezahlt, 200 $ zu 6% Zins schuldig. Er fordert seinen Bruder zum zweiten Mal auf, ihm das Geld zu schicken.


Peter Krättli, 31. Dezember 1849: Soll Georgs Land für 400 $ verkaufen — er würde es besser für 200 $ anbieten. Cholera hat im Sommer gewütet (in Hermann nur ein Toter, in St. Louis ca. 1’000). Ernte war gut. Hochzeiten: Margreth Philipp mit Hüttenrauch, Schwester Anna mit Bauer Georg. Zum Schluss: «Letzthin hörte ich, du hättest gern eine reiche Frau und seiest allenthalben herumgelaufen. Aber sie wollen dich nicht, du seiest zu alt.»


Johann Sutter, 28. Mai 1850: Samuel Allemann und Hans Krättli sind nach Californien. Hunderte sollen Gold für über 100’000 $ geschürft haben. Teuerung: zwei Ochsen kosten 60 $ statt 30 $. In Hermann gibt es jetzt eine Freimaurerloge mit 35 Mitgliedern.

Peter Krättli — Der grosse Brief, 27. August 1850Vollständig · Goldfieber · Prärie · Farm · Missouri ↓

Dieser Brief wird hier vollständig abgedruckt — er zeigt wie und was genau in solchen Briefen geschrieben wurde:

Lieber Bruder,

Dein Schreiben vom Februar erhielt ich am 12. Mai. Hans ist den 30. April nach Kalifornia abgereist in Gesellschaft von Michel Philipp und einem Zürcher. Sie haben den Plan über Panama aufgegeben, weil zu theuer. Sie kauften sich einen Wagen und drei Paar Ochsen und machen die Reise über die Prärie. Bei Fort Laramie sollen bis 1. Juli 40’000 mit 8’900 Wagen vorbeigezogen sein. Seither hat man 36 Millionen Dollar daraus geschöpft.

Dieses Frühjahr haben wir verkauft: 2 Joch Ochsen zu 55 und 50, ein Paar Stiere zu 24, 4 Kühe à 12, 2 leichte Pferde für 60 Dollar. 15 Bushel Weizen à 1.05 Dollar, mehr als 100 Bushel Korn à 45–50 Cts. Wir fabrizieren auch Schafzieger zu 20 Cts. das Pfund sowie Käse, Wolle, Talg und Butter.

Wir hatten dieses Jahr überhaupt viel Unglück. Kaum war der Schwiegervater von langer Krankheit genesen, sprang am 2. Mai ein schwerer Ochse über die kleine Menga, brach ihr den linken Schenkel. Drei Wochen später kam sie ins Kindbett — Totgeburt. Jetzt sind wir alle gesund.

Viele Grüsse an alle — von eurem Bruder Peter


Johann Sutter, 10. August 1851: Samuel Allemann und Hans Krättli geht es gut. Gold ist schwieriger zu finden — wer früher 15 $ täglich nicht genug war, ist nun froh mit 4–5 $. Hermann wird grösser, viele Steinhügel in Rebland umgewandelt.


Peter Krättli, 24. März 1853: Johann Sutter hat eine Herde nach Californien getrieben, 300 Acres in Marysville gekauft. Hans Krättli baut in Jacksonville Gold ab, soll sehr geizig sein. Von Michel Philipp weiss niemand etwas — wahrscheinlich tot. Eine Kuh: 110–120 $, ein Paar Ochsen: 190–200 $.


Christian Krättli, 12. April 1854: Ist über ein Jahr in First Creek (nahe Hermann). Peter in Californien, betreibt mit zwei Zürchern Holzhandel und verdient gut. Bruder Hans zurückgekehrt — sehr krank, aber reich. Silvester Krättli hütet das Vieh; Vetter Georg in einer Sennerei (60 $ / Monat, freie Kost).

Briefe aus dem Bürgerkrieg 1861–1865Peter · Johannes · Menga Krättli ↓

Peter Krättli, 26. August 1861: Der Bürgerkrieg ist seit einigen Monaten im Gang. Peter rät dringend ab, nach Amerika zu reisen — im Golf von Mexiko treiben Raubschiffe ihr Unwesen. Tausende von Soldaten passieren Hermann. «Es brauche schliesslich auch noch Farmer, die etwas anpflanzen.» Er werde sich nicht beteiligen solange man ihn in Ruhe lässt. Vor vier Wochen wurde ein Christian geboren.


Johannes Krättli, 4. April 1863: Seit zwei Jahren weder geschrieben noch Antwort erhalten. Geschäfte im Schlachthaus miserabel. Im Winter 1861/62 drei Überschwemmungen — Herbst 1861 hatten sie 800 Stück Vieh, nach dem Winter nur noch 150! Der Norden soll 600’000 Soldaten bereithalten.


Menga Krättli, 12. August 1865: Krieg zu Ende, Konföderierten kapituliert. Vater Danuser hat einen Schuss ins Bein bekommen — der Täter wurde am nächsten Baum aufgeknüpft. Georg war zehn Monate Kriegsgefangener in Texas und erhielt dort nur Wasser und Kornmehl. Sie berichtet über Marktpreise, das Dampfschiff von Henry Wolf und bevorstehende Hochzeiten.

Christian Krättli — Spätbriefe 1866–1874Viehhandel · Überschwemmungen · Schicksale ↓

2. Januar 1866: Noch im Viehhandel tätig. Viele Überschwemmungen. Der Matäus Danuser liess sich eine Frau aus Irland kommen zwecks Heirat, mit der Bedingung sie müsse ihm gefallen. Als sie ankam: «er sagte, sie sei ein grosses irisches Tier und er lieber mit einem Schwein leben wolle.» In San Francisco ein grosses Erdbeben.


10. März 1867: Aus der Schweiz kommen keine Briefe mehr an. Ein G.G. hat für 20’000 $ Wolle und Schafe verkauft, sich aber mit seinem Sohn verkracht der für Kleider 35 $ ausgab (nur 25 $ bewilligt) — der Junge verschwand für immer. Aus einem Tresor wurden 12’000 $ gestohlen; als man ihn öffnete, lagen noch 45 Cents drin — davon 10 falsch.


18. Juni 1874: Harter Winter. Nachbar Grydly verlor 8’000 Schafe beim Hochwasser — sei so reich, das mache ihm nichts. Über verstorbene Freunde: «Der Howard hat auch aufgehört eiserne Tore zu machen, er ist sozusagen im Rausch gestorben, während seine Colegln im Kreis um ihn herum noch frohe Lieder sangen. Es sollte mich nicht wundern wenn Gerste auf seinem Grab gedeihen würde weil der dessen Saft so sehr geliebt.»

Familiengeschichte von Michael KrättliAus der Familienbibel · Hermann Missouri · 1844 ↓

Eltern beide aus Untervaz (geb. 1819 und 1821), heirateten 1840. 1844 wanderten sie mit den Familien Philipp, Schindler und Gruber nach Amerika aus. Seereise Le Havre → New Orleans: 86 Tage; Juli 1844 in Hermann Missouri. Land nahe Berger MO für nur 12½ Cents pro Acre — sehr fruchtbar, viel besser als in der Schweiz.

1848: Goldrausch — Michaels Onkel brach auf. 1853: Sein Vater trieb eine Rinderherde nach Californien. Bürgerkrieg: Vater meldete sich freiwillig gegen die Sklaverei, kehrte nach drei Jahren schwer verwundet zurück. 1861/62: Zwei Kinder gestorben.

Die Söhne: Georg nach St. Louis († 14. Jan. 1912), Jacob nach Kansas († 20. Sept. 1911), Anton nach Sullivan Missouri († 21. Feb. 1913). Die Rebberge der Familie waren der Stolz der Gegend.

Michael Krättli selbst wurde am 13. Oktober 1850 geboren und starb am 24. März 1934 in Kansas City.

(Aus Family History of Michael Kraettli, erhalten von Timothy Philipp)

Die Geschichte der Anna Philipp-CarlUntervaz → Hermann Missouri → Kansas ↓

Anna Philipp heiratete am 9. März 1849 den 37-jährigen Georg Carl. Sie wuchs in Untervaz auf — ihr Vater betrieb eine Mühle am Rhein. Um den 1. April 1844 verkaufte die Familie Philipp alles, sagte dem Rhein und den Bergen «Goodbye» und fuhr nach Le Havre. Seereise 86 Tage; Juli 1844 in Hermann Missouri. Land für 12½ Cents pro Acre.

Die Mutter bekam nach der Ankunft schweres Heimweh: «Sie fühlte sich irgendwie als Gefangene dieser dichten Wälder.» Im Herbst 1844, wenige Monate nach der Ankunft, starb sie. Als Annas Vater neu heiratete, verliess Anna (17) das Elternhaus und arbeitete drei Jahre als Magd in Hermann bei Frau Keane.

Trotz grossen Unterschieden — er ohne Schulbildung, sie klavierspielend und kulturell interessiert; er Katholik, sie Protestantin — fanden sie sich und hatten 11 Kinder. Als die Methodisten eine Kirche gründeten und Anna übertrat, gab es einen langen Zwist. Georg starb mit 68 Jahren.

(Aus The story of George Carl, erhalten von Timothy Philipp)

Governor Emanuel Lorenz Philipp — Wisconsin 1914–1921Bündner Staatsmann · Gouverneur von Wisconsin ↓

1849 wanderte Luzi Philipp aus Untervaz mit Frau Sabine Ludwig aus Zizers und 2 Kindern nach Wisconsin aus. Emanuel Lorenz Philipp wurde am 25. März 1861 geboren. Vater kämpfte drei Jahre im Bürgerkrieg, kehrte schwer verwundet zurück. Emanuel finanzierte höhere Bildung durch Truthahnzucht auf der Farm.

Karriere: Landschullehrer → Mechaniker → Bahnangestellter → Bahnhofsvorstand (1882) → Berater Chicago-Milwaukee & St. Paul Eisenbahn (1887) → Transport-Agent Union Pacific Railroad. 1893–1903 Holztransportgesellschaft am Mississippi — zu seinen Ehren eine Stadt Philippstown benannt.

1914 zum Gouverneur von Wisconsin gewählt — Wiederwahlen 1916 und 1918. In seiner Amtszeit schrieb der Senat: «Während der schweren Zeit des Krieges hat Governor Philipp den Staat mit Umsicht und Klugheit verwaltet.» Er schrieb zwei Bücher: The truth about Wisconsin’s freight rates und Political reform in Wisconsin.

Governor Philipp starb am 15. Juni 1925 in Wisconsin. Sein Nachfolger: «Philipp war ein Mann von bemerkenswerter Ausdauer — ein Beispiel dessen was durch unablässige Arbeit erreicht werden kann.»

(Aus Bündner Monatsblatt 1962, «Ein Bündner Staatsmann in Amerika» von Elisa Perini)

Brasilien — Kaffeeplantagen & das Parceria-System

Senator Vergueiro · Halbpacht · Schuldknechtschaft · 1852–1865

Brasilien und die Anbaugebiete im 19. Jahrhundert

Brasilien, das fünftgrösste Land der Erde, wurde 1822 unabhängig. Zwischen 1538 und 1850 wurden 12–18 Millionen Sklaven importiert. Als England 1850 mit Wirtschaftssanktionen drohte, wurde der Sklavenhandel verboten — die Sklaverei selbst erst 1888 aufgehoben.

Riesige neue Kaffeeplantagen in São Paulo brauchten Arbeitskräfte. Senator Nicolau Pereira da Campos Vergueiro hatte die Idee: arme Bauern aus Mitteleuropa als Halbpächter Kaffee anbauen lassen — sie verbessern ihre wirtschaftliche Lage, Brasilien bekommt eine neue Bevölkerungsschicht. Die liberale Regierung unterstützte das Projekt finanziell. 1852 kamen die ersten Auswanderer; die Untervazer folgten 1855.

Das Parceria-System — Theorie und Wirklichkeit

In der Theorie: Halbpacht — die Hälfte des Erlöses an die Auswanderer, die Hälfte an den Plantagenbesitzer. In der Praxis: Der Vertrag war in drei Sprachen abgefasst — nicht eindeutig identisch, von den Besitzern nach Belieben ausgelegt. Kaffeesträucher in miserablem Zustand; horrende Lebensmittelkosten; Unterkunft verfallen und trotzdem kostenpflichtig; Zins auf alle Vorschüsse; Behinderung beim Einkaufen ausserhalb.

Wer seine Schulden nicht bezahlt hatte, konnte den Vertrag nicht verlassen — eine Abhängigkeit aus der sich die meisten nie lösen konnten. Als die Untervazer in Santos ankamen, wurden sie entgegen dem Versprechen auf drei verschiedene Plantagen verteilt. Die Söhne des Senators: «Ihr seid jetzt in Brasilien und der Vertrag wird so ausgelegt wie es uns passt.»

Der Parceria-Vertrag: Klageschrift vom 5. Februar 1857Thomas Davatz · Ybicaba · 18 Artikel ↓

Thomas Davatz stellte zusammen mit anderen Pflanzern am 5. Februar 1857 diese Klageschrift auf, welche über Umwege in die Schweiz gelangte:

Art. 1: Die Gesellschaft Vergueiro reduziert die Schuld in hiesiger Währung zu Lasten der Kolonisten. Der Schweizer Franken wird manchem zu 377 Reis, anderen noch höher angesetzt.

Art. 2: Wenn ein Kolonist bezahlt, wird ihm die Münze niedriger angeschlagen — 1 Franken nur 320 Reis.

Art. 4: Auf unverzinslich erhaltenes Reisegeld rechnet Vergueiro von Anfang an 6% Zins.

Art. 5: Obwohl im Kontrakt kein Kopfgeld erwähnt, wird jeder Person über 8 Jahren ein Kommissionsgeld von 10 Milreis zugerechnet.

Art. 6: Von Santos nach der Kolonie wird zu hohes Reisegeld berechnet, obwohl der Transport unentgeltlich erfolgen müsste.

Art. 7: Für ein am Zusammenfallen befindliches Haus ohne trockenes Plätzchen werden 12 Milreis Zins verlangt — auch von solchen, denen freie Wohnung versprochen wurde.

Art. 8: Kein Kolonist erhält genug Pflanzland für alle nötigen Lebensmittel. Tauscht er Produkte, will die Gesellschaft davon auch noch die Hälfte.

Art. 9: Wir erhalten nicht die Hälfte des Reinertrags. 3 Alqueiren Kaffee in der Hülse geben eher 2 als 1 Arroba — und doch wird nur 1 Arroba bezahlt. Für Kaffee von 1855 wurden nur 467 Reis per Alqueire bezahlt, wo 1 Milreis gebührt hätte.

Art. 10: Die Maasse womit unser Kaffee gemessen wird, sind zu gross; die Waage eine alte, zu leichte englische Schiffswaage.

Art. 11: Die Gesellschaft verpflichtet sich, gute Kaffeebäume anzuweisen — gibt uns aber Pflanzungen in denen kaum der zwanzigste Teil der Bäume trägt.

Art. 12: Die andere Hälfte des Verdienstes sollte uns behändigt werden. Stattdessen schreibt Vergueiro sie erst nach einem Jahr gut und gibt monatlich 2–5 Milreis — verzinslich. So sind wir gezwungen, teure Lebensmittel auf der Fazenda zu kaufen.

Art. 13: Zucker wurde anderswo für 2'800 Reis verkauft — wir zahlten 5'120 Reis. Speck und Fleisch: bei uns 240 Reis, in St. João 120 Reis.

Art. 14: Vergueiro versprach Kaffee zum Selbstkostenpreis — verlangt aber 826–1'040 Reis für Kaffee minderster Qualität.

Art. 16: Wer 6 Milreis bezahlte hatte Anrecht auf ein Jahr Arztbetreuung — der Posten wurde zweimal abgezogen obwohl seit September kein Arzt mehr da war.

Art. 17: Josef Meier kam mit einem günstigeren Kontrakt. Man forderte ihn auf, schlechtere Bedingungen anzunehmen. Da er sich weigerte, sitzt er seit 2½ Monaten ohne Wohnung, ohne Pflanzland.

Art. 18: Man liess die Leute glauben, sie seien bald schuldenfrei. Nach dreijähriger strenger Arbeit sind die Schulden oft 2–3 mal so gross wie anfänglich. Wer ohne Schulden und mit Geld herkam, hat nach drei Jahren nicht nur kein Geld mehr, sondern noch grosse Schulden.

Verteilung auf die Plantagen

Plantage Ybicaba

Gegründet 1817

Alexander Bonadurer (Graubünden), Daniel Schlittler, Kaspar Schlittler, Fridolin Glarner, Felix Disch (alle Glarus), Bernhard Bühler, Laurenz Krättli, Joh. Rudolf Krättli, Johann Krättli, Jakob Krättli, Bernhard Christ, Johannes Rupert, Felix Davatz, Ursula Bayon, Thomas Davatz, Josias Davatz (Graubünden), Samuel Obrist, Balz Luck, Jak. Leonz Huber (Aargau), Marie Josette Peclat (Freiburg), Gebrüder Berchtold (Unterwalden), Konrad Wiesmann, Joh. Jakob Meyer, Heinrich Strassecker, Jakob Stucki (Zürich)

Plantage Angelica

Bartholome Jost, Johannes Meng, Peter Räs, Johannes Wolf, Joh. Joseph Hug (Vater & Sohn), Johannes Vogel, Adam Vogel, Heinrich Hepting, Joh. Peter Lienhard — alle aus Graubünden, Glarus und Zürich

Plantage Biry

Aug. Wahl, Laurenz Bürkli, Michael Bürkli, Georg Pilat, Marianna Bäder, Joseph Valentin Heizmann, Joh. Isidor Heizmann, Martin Heizmann, Matthäus Heizmann, Peter Heizmann, Peter Galliard, Joseph Bürkli, Christian Tanner, Magdalena Jsler, Tobias Fricker, Barbara Wilhelm (Graubünden), Fridolin Gyger (St. Gallen)

Schuldenentwicklung 1855–1868

Familie Ankunft 1855 Frühjahr 1857 Stand 1868
J. Isidor Heizmann 234 $ 000 rs 319 $ 400 rs 188 $ 970 rs
Martin Heizmann 270 $ 000 rs 374 $ 000 rs 211 $ 525 rs
Mathias Heizmann 236 $ 400 rs 275 $ 800 rs 200 $ 360 rs
Peter Heizmann 204 $ 800 rs 388 $ 400 rs 151 $ 550 rs
Joh. Michael Bürkli 196 $ 000 rs 227 $ 400 rs Plantage verlassen

Innerhalb von 11 Jahren gelang es den meisten nur, ca. 1/3 der Schulden zu tilgen. Die Firma Vergueiro meldete 1865 Konkurs an. Die Gemeinden sahen kaum etwas der vorgeschossenen Fr. 85'000.– wieder; Paravicini presste noch Fr. 7'840.– heraus.

Die Nachfahren unserer Auswanderer

Nordamerika

Während dem 19. Jahrhundert wanderten mindestens 50 Personen aus Untervaz in die USA aus (wahrscheinlich eher 100). Roland wusste, dass die Untervazer vor allem nach Hermann Missouri emigrierten. Er bekam die Adresse von Wesley Kraettli — letzter Kraettli in Hermann, Urenkel von Georg Krättli und Dorothea Philipp (Auswanderung 1844).

Im Frühling 1995 kamen Wesleys Kinder Marilyn und Ron in die Schweiz und besuchten Untervaz. Ron: «You live in God’s country!» Im Juli 1995 folgte Tim Philipp (Ururenkel der Philipp-Auswanderer). Die Nachkommen der Vazer sind heute über ganz Amerika verstreut — sympathische, nette Leute, aber typische Amerikaner. Da die Auswandererfamilien sehr kinderreich waren, leben heute in Amerika mehr Nachfahren von Vazer Auswanderern als das Dorf Einwohner hat.

Brasilien

Nachfahren der Vazer Brasilien-Auswanderer zu finden war schwierig — die meisten Familien ausgestorben. Nach mehreren gescheiterten Versuchen (niemand Englisch oder Deutsch) erreichte Roland schliesslich Gisela Heitzmann in São Paulo.

Gisela ist die Ururenkelin von Martin Heitzmann (Brasilien 1855). Sein 16-jähriger Sohn Hans schlug einen eigenen Weg ein — nie auf einer Kaffeeplantage, am Eisenbahnbau beteiligt, durch Grundstückgeschäfte reich geworden. Im Frühling 1995 reiste Gisela mit Mann Sergio nach Zürich. Zusammen fuhren sie aufs Parpaner Rothorn, wo sie zum ersten Mal in ihrem Leben Schnee sah — und gleich in einen Schneesturm geriet. Gisela fuhr sogar nach Ibicaba für Nachforschungen — aber ein Feuer hatte vor einigen Jahren alle Dokumente zerstört.


Zielsetzung der Arbeit

«Irgendwie kam ich dann zum Thema der Auswanderung. Auf jeden Fall war es eine Arbeit, die mich ein Jahr lang in Anspruch nahm. Ich möchte damit einfach vielen Untervazern, die keine Ahnung haben was in ihrem Dorf vor nicht allzu langer Zeit passierte, die Geschichte ein wenig näher bringen. Ich bin nämlich überzeugt, dass wenige Vazer wissen, was vor 150 Jahren in ihrer Gemeinde geschah. Das finde ich aber sehr schade, wenn man bedenkt was für Abenteuer, Schicksale und menschliche Tragödien hinter all diesem Thema stecken.»

Dank

Lorenz Krättli (Stotzlenz), Kaspar Joos, Ida Patt, Frau Köhl & Frau Bandli (Staatsarchiv GR), Silvester Davatz, Georg Jäger, Judith Giger, Hans und Burga Krättli, Beat, Hans, Markus und Adrian Krättli mit Familien, Rebecca Göpfert, Sabine Schneider, Betsy Garrett, Timothy & Michel Philipp, Ron Kraettli, Marilyn Clifton-Kraettli, Wesley Kraettli sowie Gisela Heitzmann und ihrer Familie.

Literaturverzeichnis

  • Simon Benedikt an den Kleinen Rat Graubünden, 24. Mai 1856 (St. A. GR IV 31 C)
  • Thomas Davatz: Reisebericht Tardisbrücke → Ybicaba (St. A. GR IV 31 C)
  • Lorenz Krättli: «Untervazer Vergangenheit», Bündner Monatsblatt Nr. 3/4, 1986
  • Briefe der Auswanderer aus Amerika (Besitz Familie Philipp)
  • Elisa Perini: «Ein Bündner Staatsmann in Amerika», Bündner Monatsblatt 1962
  • Timothy Philipp: The story of George Carl / Family History of Michael Kraettli
  • Thomas Davatz: Die Behandlung der Kolonisten in São Paulo (St. A. Gr. Bd 249/6)
  • Béatrice Ziegler: Schweizer statt Sklaven. Steiner Verlag Wiesbaden, 1985
  • Swiss-American Historical Society

Bilanz

Brasilien: Die meisten Familien ausgestorben oder spurlos verschwunden. Von den meisten weiss man nicht, was aus ihnen wurde.

Nordamerika: Die Familien haben überlebt und sich vermehrt — heute wahrscheinlich mehr Nachfahren in Amerika als Einwohner in Untervaz.

Firma Vergueiro 1865 Konkurs. Von Fr. 85’000.– Vorschüssen sahen die Gemeinden kaum etwas.

«You live in God’s country!»

Ron Kraettli, Urenkel von Georg Krättli (1844 ausgewandert), bei seinem Besuch in Untervaz, Frühling 1995.